Die Aussagen in dem Beitrag der Drehscheibe vom 22.01.2019 – „viel Chlor und hunderte von Giftstoffen, Giftstoffe aus dem 1. Weltkrieg und Nervengifte“ sind nicht nur dilettantisch, sondern schlicht und einfach überwiegend sachlich falsch! Dass man darauf baut solche Behauptungen ohne Widerspruch in der Öffentlichkeit platzieren zu können, empfinde ich erschreckend. Aus purem Aktionismus und Populismus werden Ängste in der Bevölkerung mittels Behauptungen geschürt, die sich als falsch erweisen, wenn man sie hinterfragt.

Wer meint, dass ich es den „Dhünnauenexperten“ von „Lev muss leben“ überlasse, ihre „Expertisen“ über die Gefährlichkeit der Eingriffe in die Altlast unwidersprochen zu verbreiten, der hat sich getäuscht. Bitte bei der Wahrheit bleiben!

Im 1. Weltkrieg kein Abfall

Im 1. Weltkrieg wurde in der Dhünnaue noch kein Abfall abgelagert, sondern in vielen unterschiedlichen Bereichen „rund um das damalige Werk“. Auch im Bereich des heutigen Chemparks gibt es mit Sicherheit Ablagerungsflächen. Ich hatte schon einmal beschrieben, dass man in den Anfangszeiten von „Mutter Bayer“ den Bauboom dazu nutzte ausgekieste Löcher mit „Industrieabfall“ zu füllen, was den damaligen Gegebenheiten entsprach.

Auch die Aussage, dass Nervengifte aus dem 2. Weltkrieg und Reste der Bombenproduktion dort abgelagert wurden, wo man eingreift, ist falsch. Im Bereich der südlichen Erweiterung der A1 dort wo gerade eingegriffen wird 
(Eingriffsbereiche 2 und 6) – zwischen Neulandpark und der A 1 – wurde laut Ablagerungsplan erst ab 1945 bis 1965 Abfall verkippt. Das heißt allerdings nicht, dass das Deponat, welches dort liegt weniger gefährlich ist. Eher im Gegenteil, denn die Nachkriegs – Abfallprodukte stammen überwiegend aus der organischen Chemie. Es wird hier – wegen der geplanten Polstergründungen auf dem Deponat – zwar flächenmäßig breit, aber nicht tief eingegriffen. Für die Altlast kann man durchaus die Regel aufstellen: „Je tiefer man kommt, desto giftiger wird es“!

Ein Beispiel hierfür ist das Bohrloch 512 im Eingriffsbereich 2b: Während Probe 5 (in 3.10 m Tiefe) 26 mg/kg Chrom und 7 mg Arsen aufweist, steigert sich der Wert bei Probe 8 (5.40 m) auf 47 mg/kg Chrom und 9 mg/kg Arsen. Nur 60 cm tiefer (Probe 9, 6.00 m) sind 11100 mg/kg Chrom und 88 mg/kg Arsen gefunden worden!

Hochgiftig

In vielen Hangbereichen an der A 1 befindet sich hochgiftiges Deponat fast direkt an der Oberfläche, weil man – wegen der hohen Böschungsneigung – damals beim Bau der A 1 nur Asphalt als Dichtungsmittel nutzen konnte um das Deponat abzudecken. Desweiteren wurde hochgiftiger Aushub beim Bau der A1 direkt neben der Baustelle A 1 direkt wieder abgekippt. Die abdeckenden Asphaltschichten an den Böschungen mussten auch bei der Sicherung der Altlast (Einkapselung) so belassen werden, weil eine Folierung wegen der extremen Böschungsneigung nicht möglich war.

Daher hat man es nun bei der Verbreiterung besonders an den A1 Asphaltböschungen fast direkt mit hochgiftigem Deponat zu tun. Dort wo die Altlast „flacher“ (z.B. Dhünnaue Mitte = Neulandpark, „Tafelberg“ Dhünnaue Nord) ist, wurde bei der Einkapselung eine mehrere Meter „saubere“ Deckschicht (Mineral- und Erdschicht) auf die abdichtende Folie aufgetragen. Abtragungen von Deckschichten, wie zurzeit an der Baustelle angekündigt, sind also ungefährlich und können daher problemlos bei geöffnetem „Sicherheitszelt“ durchgeführt werden. Man sollte sich in diesem Zusammenhang immer vor Augen führen, dass Straßen.NRW und den ausführenden Firmen – schon zum eigenen Nutzen – daran gelegen ist möglichst sicher und unfallfrei zu arbeiten.

Es gibt allerdings keinen Grund den „flachen Eingriff“ für die Polstergründungen deshalb zu verharmlosen, denn das was dort lagert ist gefährlich, auch wenn es nicht aus den Weltkriegen und der Bombenproduktion stammt. In den Eingriffsbereichen ist Benzol in seinen verschiedenen Produktions- und Erscheinungsformen zu finden. Die „Industriechemikalie“PCB (Polychlorierte Biphenyle) – Dioxine, Furane – und PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) z.B. Antracen, Pyren, Fluoren, Naphthalin – „runden“ das Ergebnis neben Halogenen (Fluor, Chlor, Brom,Iod) und den überall in der Altlast zu findenden „üblichen“ Stoffen ab. Viele dieser Stoffe sind karzinogen, mutagen und reproduktionstoxisch. Sie gelten als Gefahrenstoffe, wenn sie nicht sogar als zum „dreckigen Dutzend“ gehörig klassifiziert werden. Die Bayer AG produzierte im Laufe der Jahre 159 000 t PCB – man sollte sich vergegenwärtigen, dass ca. 650 t PCB allein in der Altlast lagern. Ein PAK Wert von 33 000 mg/kg wurde bei einer Analyse einer Probe des Bohrlochs 111 gefunden.

Besonders große Sorgen mache ich mir um die Stoffe, die in verschiedenen Konzentrationen als „nicht näher identifizierbare Verbindungen“ ausgewiesen werden. Bei einer Probe des Bohrlochs 514 im Bereich 2b konnte man bis zu 10 000 mg/kg nicht näher bestimmen. Die Aussage, dass es sich wahrscheinlich um Benzolverbindungen handelt, beruhigt mich nicht gerade.

Es gibt Vorschriften

Es gibt die Verpflichtung nach Gefahrgutrecht, dass Stoffe über die nichts bekannt ist entsprechend UN-Klassifizierungsvorschriften als UN 2811 (giftiger  organischer fester Stoff, N.A.G. – das steht für nicht anderweitig genannt) mit der höchsten Verpackungsgruppe (VG I) transportiert und entsorgt werden müssen.

So wie man nach den Ergebnissen der Mischproben umlagern will – mit nur einer Analyse alle 1000 t – wird man dieser Gefahreneinstufung für unbekannte Stoffe mit Sicherheit nicht gerecht – man weiß zwar nicht mit welchen Stoffen man es tatsächlich zu tun hat, aber man tut einfach so!

Wird auf diese Art und Weise mittels der Genehmigung einer untergeordneten Behörde (hier RP Köln) den Aushub auf die Deponie Bürrig umlagern zu dürfen, internationales Recht gebrochen?

„Die Flurschäden der Unternehmen werden auf die Bevölkerung umverteilt.“