Leverkusen - Nicht das Ende der Welt

Buntes aus Leverkusen

Öffnung der Deponie

Ein großer Fehler – oder nur Hysterie ?

Seit Wochen stapeln sich Zeitungsberichte über den geplanten Autobahnausbau in, unter oder über Leverkusen und in Leserbriefen tun einige Bürger ihre konträre Meinung kund.

Der „Rest der Bevölkerung“, ebenso wie die Ratsmitglieder und die Verwaltung der Stadt Leverkusen scheinen sich immer noch im Tiefschlaf zu befinden und wollen – anscheinend gar nicht wissen, was auf die Stadt und ihre Bewohner in den kommenden Jahrzehnten im „Rahmen des Autobahnausbaus“ zukommen wird!

Es werden Pläne gemacht und wieder verworfen, es wird protestiert und empfohlen wie die Lösung aussehen könnte. Es sieht so aus, als ob die Planungen vor allen Dingen die Interessen der Wirtschaft und einen möglichst geringen finanziellen Rahmen präferieren. Weder die gesundheitlichen Folgen, noch die Wohnqualität der Leverkusener Bürger scheint man vorrangig berücksichtigen zu wollen.

Wir sind nicht kompetent genug die Tragweite der einen oder anderen Lösung einzuschätzen, uns fehlt der wissenschaftliche Hintergrund die Machbarkeit eines Tunnels, „der Monsterstelze“ oder eines Eingriffs in die Deponie eindeutig einzuschätzen und gegeneinander abwägen zu können, aber eines, das wissen wir, dass man die Leverkusener Bürger

„belügt und hintergeht“!

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Kurzer Überblick über die Geschichte der Altlast Dhünnaue  

1900 – 1918

Schon 1906 wurde durch das Landwirtschaftsministerium eine Regulierung von Wupper und Dhünn veranlasst und gleichzeitig die Eindeichung von Rheindorf und Bürrig beschlossen. Die Dhünn wurde vom Rüttersweg in gerader Linie bis zur Mündung geführt und  bekam ein neues Fließbett von 450 Metern.

Wo man in den Anfangsjahren die anfallenden chemischen Produktionsrückstände abkippte, entzieht sich unserer Kenntnis. Im Katalog „Die Dhünnaue jetzt und heute“ zur LAGA – Eröffnung (2005) findet man auf Seite 22 einen kleinen roten Fleck, der Ablagerungen aus dem Jahr 1914 abgibt. Er befindet sich ungefähr auf Höhe der Nobelstraße. Ansonsten liegt die Müllentsorgung des Bayerwerkes in den Jahren bis 1923 – zumindest für uns – im Dunklen. Wobei man auch damals im Werk sicher kein Parfüm produzierte! Es ist zu vermuten, dass man „im Werk“ durchaus über die Ablagerungsorte vor 1923 genau Bescheid weiß!

1918 – 1923

Immer wieder kam es auch zu Überschwemmungen in Wiesdorf, daher wurde eine Genehmigung erteilt die „Dhünnaue Wiesdorf“ einzudeichen, wofür aber das Geld fehlte.

Zur gleichen Zeit suchte das – sich zunehmend entwickelnde – Bayerwerk am Rhein dringend eine geregelte Entsorgungsmöglichkeit für Schutt und Abfälle. Im Namen des „öffentlichen Wohls“ (Hochwasserschutz) wurde 1923 ein Vertrag geschlossen, der es Bayer erlaubte Abfälle jeder Art in der Dhünnaue abzulagern um diese zu verfüllen. Ebenso konnte die Stadt Wiesdorf ihre Hausmüllabfälle entsorgen. Das Gelände wurde nach Ende der Auffüllung mit einem halben Meter Mutterboden bedeckt und in das Eigentum der Stadt Wiesdorf zurückgeführt um u. a. einen Sportplatz errichten zu können.

1923 – 1930

Nachdem man festgestellt hatte, dass sowie für Bayer, als auch für die aufstrebende Stadt Wiesdorf, durch die Auffüllung der Dhünnaue eine (rückblickend: nur scheinbare) „win – win Situation“ entstanden war, einigte man sich darauf, die Aufschüttung der Dhünaue auf „bewährte Art“ fort zu setzen! Bis 1930 hatte die Deponierung schon die Höhe der heutigen Albert- Einstein-Straße erreicht. Alle waren zufrieden, denn Bayer hatte – nahe am Werk – eine „Kippe“ und die Stadt Wiesdorf verfügte nach der Verfüllung über ein hochwassersicheres Areal am Rhein, um in der ehemaligen Dhünnaue eine große Grünfläche schaffen zu können.

1930 – 1950

Die Deponierung wurde nach Nordwesten fortgeführt, daher könnten sich in diesem Areal überwiegend chemische Abfälle der Kriegsproduktion befinden. Nach beendeter Auffüllung war das Gebiet nun endlich „hochwasserfrei“ und wurde 1950 an die 1930 aus den Ortsteilen Rheindorf, Wiesdorf, Steinbüchel und Schlebusch gegründete Stadt Leverkusen – „der Stadt ohne Vergangenheit“ (Westecker) – zur weiteren Nutzung übergeben.

1950-1953

Bedingt durch die Wohnungsnot in der Nachkriegszeit, verzichtete man auf die geplante Grünanlage. Ab 1952 wurden Wohnblocks und Übergangswohnheime auf dem ehemaligen Deponiegelände errichtet. Man „wunderte“ sich über auftretende Setzungsprobleme und Setzungsrisse an den Gebäuden. Später wurden dann noch eine Tagesheimschule und der Kindergarten Adolfstraße erbaut. Noch immer schien man ahnungslos und arglos ob der Gefährlichkeit der chemischen Produktionsrückstände zu sein, die nun mehr oder weniger komprimiert ohne jeglichen Grundwasserschutz, aber auch ansonsten – bis auf 50 cm Mutterbodendeckschicht – ungeschützt am Rheinufer im Boden lagerten.

Eigentlich sollte – spätestens nach dem 2. Weltkrieg – allen Produzenten chemischer Stoffe bewusst geworden sein, dass der Abfall, den man mitten in die „Natur kippte, hochgiftig war!

1953 – 1960

Im Gegenteil, mit der Zunahme der Produktion und der Erweiterung des Werkes in den 50iger Jahren stieg auch die Menge des zu entsorgenden chemischen Abfalls: „1955 rollen werktäglich bis zu 600 Lastkraftwagen. Sechs bis acht Schuttzüge aus dem Werk kommen dazu.“ (vergl. „Die Dhünnaue gestern und heute)  Die Geruchs- und Feinstaubbelästigung wurde zunehmend von Anwohnern und „Rheinalleeflaneuren“ kritisiert.

1960 – 1980

Von 1961 bis 1965 wurde im Rahmen des Ausbaus des Kölner Autobahnrings die    A 1 Brücke über den Rhein errichtet. Spätestens jetzt stellte man im Rahmen des Brückenbaus und des 1972 in den Müllberg erbauten „Spaghettiknotens“ (Nordkreuz A1/A59) fest, dass das Deponiegut hochtoxisch und auch nicht tragfähig ist. Daher sah man sich gezwungen das  Deponiegut bis zur Deponiesohle auszukoffern um Standfestigkeit erreichen zu können.

Hildegard Bohne berichtet in ihrer Studienarbeit Die Dhünnaue”, Eine historische Darstellung der größten bekannten Altlast Europas (2004), welche Erfahrungen man schon damals während des Baus der A 1 und des Westkreuzes mit dem im Boden gelagerten „Giftcocktail“ machte:

 Dass

  • die Fundamente extra geschützt werden mussten, weil der Beton weggeätzt wurde,
  • man große Probleme mit der Statik hatte,
  • die Arbeiter über Hautausschläge und körperliche Beschwerden klagten,
  • sich in der Mitte, der damals noch immer kaum geschützten Deponie, ein 150 Meter  langer und 60 Meter bestialisch stinkender Chemiesee befand, der in allen Farben schillerte. Bis hin zu Xylolabfällen schien alles vorhanden zu sein, was ein Chemiestandort so zu bieten hatte!

Wegen der zunehmend knappen Deponiekapazität und um Schadstoffe zu vernichten entschloss sich Bayer 1965 das „Entsorgungszentrum Bürrig“ zu errichten. Um den anfallenden Müll komprimieren zu können wurde 1965 eine erste und 1975 eine weitere Müllverbrennungsanlage errichtet. Seitdem „entsorgt man reibungslos und umweltgerecht“! (Die Dhünnaue gestern und heute,2005)

Eine Gemeinschaftskläranlage wurde ebenso errichtet, sowie 1980 eine Turmbiologieanlage um Geruchsbelästigungen und Lärm für den angrenzenden Stadtteil Bürrig reduzieren zu können. Zum gleichen Zeitpunkt wie der Spaghettiknoten und die A 59 wurde die die noch heute in Betrieb stehende nördlich gelegene geordnete Deponie eingerichtet.

Für den Bau des Spaghettiknotens, aber auch um das Areal der neuen Deponie erweitern zu können wurden Wupper und Dhünn an die heutige Mündung verlegt. Die Lage der alten Mündung ist noch heute an der „Schiffsbrücke“ zu erkennen.  1972 tauschten Bayer und Deichverband den alten Bürriger Deich 1:1 gegen einen neuen Dhünndeich!

1980 – 1989

„Mitte der 80iger Jahre wurden hier, nahe dem Rheinufer, in einem Wohnviertel hohe Konzentrationen kazerogener Gifte gefunden. Das Gift steckte im Boden, in Wiesen, Wegen, Sandkästen. Es war im Keller der Wohnhäuser und eines Jugendheims eingedrungen. Auch im Hausstaub wurde es nachgewiesen. Das Gift war durch die Betonfundamente hochgestiegen.“ (Horst Johannes Tümmers, Der Rhein, Seite 330) Mitte der 80iger Jahren stellte ein Kinderarzt fest, dass besonders Kinder des Kindergartens und der Schule Adolfstraße vermehrt unter Bronchitis litten. Dies gilt als Zeichen für eine reduzierte Immunabwehr.

Mittels eines Bodengutachtens für eine vorgesehene Umweltverträglicheitsstudie wurde 1985 festgestellt, dass sich das Gebiet der Dhünnaue-West – ebenso wie das Grundwasser –  als extrem belastet herausstellte. Man entdeckte, dass stark kontaminiertes Grundwasser immer wieder in den Rhein geschwemmt und – bei Hochwasser – in noch nicht verseuchte Wohngebäude eingedrungen war.

1987 wurde wegen zu hoher Xylolwerte der Keller der Schule Adolfstraße geschlossen, der Bebauungsplan wurde fallen gelassen und die Gärten durften nicht mehr genutzt werden. Dem schloss sich im selben Jahr eine Spielverbot und Begehungsverbot außerhalb geteerter Wege an. Es wurden – auch außerhalb des Deponiegeländes – Chrom 6 + Brocken gefunden.

1988 bekamen die Anwohner nach dem „Jahrhunderthochwasser“ nach dem Betreten der Keller der Wohnhäuser Kopfschmerzen und Nasenbluten und es wurden erste Dioxinfunde gemacht. Auch auf Grund dessen wurde von Leverkusener Ärzten eine Umsiedlung der „Deponiebewohner“ verlangt und die ersten Häuser wurden unter Sicherheitsmaßnahmen abgerissen, was in der Eigenveröffentlichung von Stadt und Bayer 2005 „Die Dhünnaue gestern und heute“ auf Seite 24 und besonders Seite 28 so dargestellt wird, dass man schnellstens reagiert habe „ohne einen juristischen Streit um die Schuldfrage zu führen.“ Dies entspricht nicht der Wahrheit.

Die Verantwortlichen waren zuerst einmal gar nicht bereit, die Verantwortung für die gefährliche Altlast zu übernehmen und es schien ihnen auch egal, ob vor allen Dingen die Bewohner der Altlast, aber auch die Leverkusener Bevölkerung geschützt werden. Bei vielen externen Stellen ist dies nachzulesen. (vergl. Hildegard Bohne: “Die Dhünnaue eine historische Darstellung der größten bekannten Altlast Europas“ 2004, “Bitterfeld am Rhein”, Spiegel 13, 1992)

„Bayer stellte sich taub und spielte herunter, behauptete in Werbebroschüren weiterhin man verhalte sich mit der Stadt „höchst verantwortungsbewusst“. … Das ungeheure Gefahrenpotenzial der Altlast Dhünn-Aue, die sträflichen Versäumnisse der Firma Bayer und der Einfluss des Chemiegiganten auf Rat und Verwaltung <ihrer> Stadt Leverkusen waren offenkundig geworden. Hier lief nichts ohne Bayer.“ (Tümmers, Der Rhein, Seite 330/331)

Ab 1988 wurden mehrere Verträge zwischen Bayer und der Stadt abgeschlossen, die Absprachen fest legten. Auf diese Art und Weise wurde „mit Rücksicht auf das politische Verhältnis von der Stadtspitze zu potenten Steuerzahlern der Ermessensspielraum zugunsten der Wirtschaft und zu Lasten des Steuerzahlers gedehnt.“ (Brandt, Altlasten, 1988)

1989 stellte Professor Eigenbrodt von der Uni Aachen in einem Gutachten fest, dass im Blut und Urin der Schüler der Adolfstraße Cadmium, Arsen, Chrom, Trichloressigsäure sowie Phenol nachgewiesen werden konnte, was eine permanente Immunschwäche nach sich zog. Man bezeichnete zuerst die Werte für „einen Industriestandort“ als „normal“. Daher lehnte man eine Verlegung der Schule ab.

Man sah sich außerstande eine sachgerechte Analyse durchführen zu können, verbot aber die Nutzung des Grundwassers und eruierte, dass jährlich 700 000 m³ verseuchtes Grundwasser in den Rhein flossen. Dies ist besonders beachtenswert, wenn man berücksichtigt, dass Teilen des Leverkusener Trinkwassers – übrigens bis heute – Uferfiltrat beigemischt wurde, welches einige Meter vom Ufer entfernt zwischen Rheindorf und Hitdorf entnommen wird! Inzwischen kann ich mir erklären, was ich – als damals erst gerade zugezogene  Neubürgerin – damals nicht wusste und verstand: Nämlich, warum es in der Küche nach Chlor stank, wenn man den Wasserhahn öffnete.

 1990 – 2000

Nachdem der Werksleiter Rosahl in einem Interview mit dem WDR zugegeben hatte, dass man bei Bayer schon lange von der Grundwasserverunreinigung wusste, wurde er frühpensioniert.

Ab 1991 wurde – nach Recherchen – auch das Gebiet der Dhünnaue Süd zur „Altlastenverdachtsfläche“ erklärt. Wobei man immer noch bis

1992 erklärte, dass von der Altlast keine „akute Gefährdung“ ausgehe und man daher auch keine Vollumspundung benötige. Kratzproben ergaben allerdings, dass aus den Wänden der Wohnhäuser das Gift ausgeschwitzt wurde und in den Bäumen „Gift bis in die Blätterspitzen“ zu finden war (KStA 06.05. 1992). Des Weiteren fand man Chrom 6+ Brocken sogar in reiner Form.

Nachdem sich der WDR Reporter Gert Monheim des Themas angenommen hatte und der Druck durch die Öffentlichkeit stieg, reagierte man schließlich und versprach eine bis zu 40 Meter tiefe Spundwand – zwei Jahre später auch auf eigene Kosten an der neuen Deponie (ca. 150 Millionen DM) – von insgesamt 6.5 Kilometern gegen Rhein, Wupper und Dhünn zu errichten und  das verseuchte Wasser (ca. 750 m³ pro Stunde) in die Kläranlage abzupumpen.

Um auf weitere Untersuchungen die Gefährlichkeit der Altlast betreffend verzichten zu können und da es keine realistische Möglichkeit zu geben schien die Altlast zu beseitigen, einigte man sich darauf sie „einzukapseln und zu „mumifizieren“. (vergl. Bohne, …) Dies geschah bis zum Jahr 2000.

Entgegen den ursprünglichen Empfehlungen des Ingenieurbüros Björnsen, die vier Tonschichten à 25 cm zur Abdichtung vorgeschlagen hatten, wurden letztendlich nur drei Tonschichten à 20 cm auf die 2.5 mm Folie – von einem anderen Ingenieurbüro überwacht – aufgetragen, nachdem man Björnsen den Auftrag entzogen hatte. (Verringerung um 40%, laut Bohne).  Allein dies ersparte Bayer eine Menge Kosten (eine Tonschicht = 10 Millionen DM!). Über die Lebensdauer der Folie konnte man ebenso wenig Auskunft geben, wie über die Korrosionsbeständigkeit der Spundwand.

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2001 – 2005

Von 2001 bis 2003 wurden 500 000 m³ Erde auf den versiegelte Deponie aufgeschüttet und seit 2003 wurde das Gelände für die Landesgartenschau 2005 gestaltet. So kam die Stadt Leverkusen nun doch noch zu ihrem Rheinpark! Allerdings ohne tiefwurzelnde Bäume und größere Wasserflächen, da man Senkungen befürchtete und eine Perforierung der Folie mittels der Wurzeln höherer Bäume.

Dort, wo die sich die A 1 wortwörtlich durch den Giftmüll schneidet, konnte man nicht genügend Erde aufbringen und „konservierte“ die steilen Abhänge auch mittels einer mehrschichtigen Asphaltdecke.

Seit der „Konservierung der Altlast“ wird diese fortwährend überwacht, indem man die Bodenluft misst, die Senkung des Deponiegutes kontrolliert, das Grundwasser überprüft und immer wieder schaut, ob sich andere Probleme ergeben.

„ Die ersten Messungen und Kontrollen bestätigen, die Wirksamkeit der Sicherungsmaßnahmen. Diese werden noch für Jahrzehnte fortgesetzt – mit dem Ziel, dass von der Altlast auch in Zukunft keine Gefährdung mehr ausgeht.“ (Die Dhünnaue gestern und heute, eine offene Chronik über Fortschritt und Verantwortung, Stadt Leverkusen und Bayer AG  2005).

Zum Abschluss noch ein Zitat aus dem Buch von Brandt (Altlasten, 1988, Seite 39):
Kontaminierte Flächen auf denen noch produziert wird, finden meist zu wenig Beachtung. Nicht etwas Unwissenheit auf Behördenseite, sondern oft genug fehlender politischer Wille (sprich: Filz) führt zu einer Koalition des Schweigens. Leverkusen ist ein Paradebeispiel für das Verhältnis von Großindustrie  zu Kommunalpolitik. Fast selbstverständlich wird das Vorgehen in der Chemiestadt mit der Bayer AG abgestimmt. Das gilt auch für eine der gefährlichsten Altlasten der Republik, für die (…) ehemalige Sondermülldeponie in Leverkusen Wiesdorf (Dhünnaue).“

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Geplanter Autobahnausbau durch die Altlast Dhünnaue 2014 – heute

„Eine Gefährdungsabschätzung ergibt, dass die Altlast durch ein Dichtungssystem gesichert werden muss, welches den Kontakt Mensch – Boden für immer verhindert, das Eindringen von Niederschlagswasser in den Altlastkörper unterbindet und den unkontrollierten Austritt von belasteter Bodenluft aus den Ablagerungen ausschließt.“ (http://www.ksta.de/geschichte)

Diese Aussage scheint schon nach knappen 14 Jahren – als man den Autobahnausbau „A-bei-LEV“ plant – in Vergessenheit geraten zu sein.

In „Dialog 1“ (Straßen NRW, September 2014) wird „der „Autobahnausbau bei Leverkusen als eine der größten und herausforderndsten Baumaßnahmen des Landes in den nächsten Jahren dargestellt.

Man schließt eine Querung unter dem Rhein (Tunnelvariante) wegen „einer notwendigen Sonderbehandlung der Altablagerung Dhünnaue“ von vornherein aus, denn: „Dort wäre ein Aushub bis unter die Sohle der Fläche erforderlich geworden“. (Dialog 1 S.3) und stellt die Planung einer Nordbrücke mit einem „geringstmöglichen Eingriff“ in die Altlast Dhünnaue unter dem Motto:  „Es wird eng – aber es passt“ vor.

Das Projekt wird von Straßen NRW „mit einer hohen Umweltverträglichkeit“ (auch in Bezug auf die Lärmbelastung und Feinstaub- und Stickoxidbelastung!) angepriesen. Man widerspricht sich aber sofort: „Im Bereich der Altablagerung Dhünnaue ist Vorsicht geboten. Daher greift der Landesbetrieb bei der Entsorgung des Bohrgutes (der Erkundungsbohrungen in der Altlast, Anm. d. Verf.) auf das Know-how des Chempark Betreibers Currenta zurück. Das garantiert kurze Wege  und vermeidet kostspielige und lange Transporte.“ (Dialog 1, Seite 3)

In Dialog 2 (Januar 2015, S. 6) ist nur ein kurzer Kommentar zum Ausschluss der Tunnelvariante und dem Eingriff in die Dhünnaue zu finden. Die hohen Baukosten und der Anschluss an das Autobahnkreuz werden als KO- Argument gegen eine Tunnelvariante genutzt: „Der Tunnel selbst könnte noch außerhalb der Dhünnaue verlaufen – aber der Anschluss an die A 59 bzw. an das Landesstraßennetz müsste zwangsläufig im Bereich der Altlastenfläche durchgeführt werden.“

In Dialog 3 (April 2015) stellt man die ersten Ergebnisse der Probebohrungen mit Allgemeinplätzen „als „bislang alles handhabbar“ dar. Allerdings ohne bis heute (Stand Mai 2016) einen genauen Überblick über die Ergebnisse der Probebohrungen gegeben zu haben. Statt Dessen wird die Tragfähigkeit des Untergrundes hervorgehoben und behauptet, dass man es nur mit “geringen Restabfallmengen“ zu tun haben wird und behauptet, dass man „mit dem, was bislang im Boden gefunden wurde“, umgehen kann und man es mit „bekannten Größenordnungen“ zu tun habe – dies allerdings ohne diese Größenordnungen anzugeben und den Begriff „bislang“ genauer auszuführen! Man „vergisst“ zu erwähnen, dass man wohl schon weiß, dass man erheblich mehr in die Altlast eingreifen muss, als geplant.

In Dialog 4 (Dezember 2015) behauptet man, dass alle enthaltenen Inhaltsstoffe bekannt sind, dass die Altablagerung Dhünnaue aber „ein sensibler Punkt der Planung sei“ und mit besonderer Sorgfalt bedacht werden muss, denn „man wisse nicht genau, was wo liegt“! Man habe aber inzwischen geeignete Sicherungskonzepte erarbeitet.In Dialog 5 (April 2016) gibt man zu, dass „ zum Teil in der belasteten Fläche gebohrt werden muss um die neuen Bauwerke des Autobahnkreuzes West bauen zu können. Des Weiteren teilt man mit, dass nun doch „die  Gründungen im tragfähigen Erdreich unter den Deponieablagerungen (bis zu 20 Meter, Anm. d. Verf.) erfolgen sollen“. Nun geht man schon von 88 000 m³ zu entsorgendem Deponat – statt bisher 34 200 m³ – aus.

Hierzu nimmt der Ingenieur von Waldowski in einem offenen Brief unter Punkt 7 Stellung:
„Die jetzt ausgewiesenen 88.000m³ Deponieaushub übersteigen die laut Vorermittlung zur Auswahl der Vorzugsvariante bekanntgegebenen Massen von 34.200m³ um fast 260%, was ein Schlaglicht auf die Qualität des Auswahlverfahrens zur Vorzugsvariante wirft und die von der Antragstellerin vorzeitig bekanntgemachte Auswahl der Vorzugsvariante in die Nähe einer rein politischen Vorentscheidung rückt. Zur Stabilisierung der bestehenden Trasse der BAB A1 wurde bis zu 14 m Tiefe Austauschboden eingebracht, wie aus den Unterlagen hervorgeht. Die Aktendurchsicht ergab keinen Hinweis darauf, ob diese enormen Zusatzmassen bei Berücksichtigung von Lastausbreitwinkel und Böschungswinkel schon erfasst sind, sodass ein weiterer exorbitanter Massenzuwachs „im Raum steht“. Die angezeigten Deponiemassen sind meines Erachtens und nachgewiesenermaßen erheblich untersetzt!“

Am 27. April schreibt der Leverkusener Ingenieur Kraneis in einem Leserbrief u.a.:
„Als sachkundiger Bürger in Planung und Bau von Fernstraßen mit Kenntnissen im Erdbau und wie es auf Erdbaustellen zugeht, war ich erschreckt über die Naivität des Vortrages von Straßen NRW am 11.04.2016 vor dem Planungsausschuss dieser Stadt. Nicht erwähnt hatten z.B. die beiden Herren und die Dame, dass mitten durch ihre so vorsichtig vorgesehene Sortierung der BAB-Verkehr der A 1 fließen soll und nicht erwähnt hatten die “Experten”, dass man auf 15 – 20 m dicken, wabbeligen Untergrund nur schlecht eine hochbelastete Autobahnfahrbahn gründen kann. Das Zeug muss raus und durch unbelastetes Material ersetzt werden – wie in den 60er Jahren!“

Auch der ehemalige Ratsherr Meinigke, der in den 90iger Jahren die Mumifizierung der Deponie mit voran getrieben hatte, meldet sich mit einem Leserbrief am 30.04.2016 zu Wort. Er weist darauf hin, dass davon auszugehen sei, dass im Bauschutt (immerhin 40% aller Ablagerungen, Anm. d. Verf.) Dioxin- und Furanbelastungen vorhanden seien. Er hält die Öffnung der Deponie für unverantwortlich. Damals sei man sich einig gewesen, dass eine dauerhafte  Einschließung und Abschottung der Deponie  die einzig sichere Alternative sei. Herr Meinigke  regt an eine sorgfältige Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen.

Herr Schröder, der Vorsitzende des Netzwerks gegen Lärm, stellt u.a. folgende Fragen:
Die Menge an verseuchtem Deponiegut, das entsorgt werden muss, wird ständig erhöht.
Die anfallenden 230.000 m³ Abraum bedeuten nach eigenen Angaben (Straßen NRW) ca.
400.000 t Gefahrgut. 400.000 t bedeuten 40.000 Fahrten von Gefahrgut-LKWs mit einer Beladung von 10 t.Der unabhängige Bausachverständige Herr Hesse aus Hannover rechnet mit 1 Mio. t
anfallendem Gefahrgut und demnach 100.000 Fahrten!

Da kommen doch einige Fragen auf:

  • Wie werden die Gefahrgutfahrzeuge sicher betrieben? Wie viel Zeit wird dazu benötigt?
  • Zu den Sicherungsmaßnahmen gehört lt. Straßen NRW auch, das tägliche Reinigen der Arbeitsstraßen – warum? Es gibt doch eine Waschanlage und es wird angeblich sicher verhindert, dass Deponiegut unkontrolliert die Deponie verlassen kann!
  • In den Planungsunterlagen steht, dass niemand mit dem Deponiegut in Berührung
    kommen darf! Wie soll das geschehen? Wie will man zigtausend Fahrten sicher durchführen?
  • Welche Kapazität hat die Bayer-Verbrennungsanlage?
    Können diese Mengen behandelt werden?
    Wie lange dauert die Entsorgung?
    Wie werden viele hunderttausend Tonnen an hochtoxischem Material sicher an der Bayer-Verbrennungsanlage gelagert?
    Werden sie dort auch eingehaust? Ständig überwacht?
  • Die Wohnbebauung ist zum Teil weniger als 200 m entfernt!
  • Was kostet dieses Vorhaben?Zu den Kosten gehören:

    • Die Kosten für den Eingriff in die Deponie
    • die Kosten für den Neubau der Arbeitsstraßen
    • die Transportkosten
    • die Lagerungskosten
    • die Verbrennungskosten
    • die Sicherungskosten für alle Bereiche-Deponie-Arbeitsstraße Verbrennungsanlage

Bei der Sanierung der Giftmülldeponie Bonful in der Schweiz, die deutlich kleiner alsunsere Dhünnaue ist, gab es eine Explosion – bis Ende 2016 werden ca. 175.000 t Giftmüll anfallen, die Kosten werden bei mindestens 380 Mio. Franken liegen.Die Sanierungszeit: 6 Jahre!

Bei der Sanierung der Giftmülldeponie in Kölliken ebenfalls in der Schweiz gab es einen Brand, die Entsorgung von 670.000 t Giftmüll werden ca. 1 Milliarde Franken kosten. Sanierungsdauer mehr als 10 Jahre

Was würde ein Brand oder eine Explosion für Leverkusen und die angrenzenden
Kommunen bedeuten?
Ich bin der Meinung, dass man seitens Straßen NRW mehr als „blauäugig“ ist und bereit ist sich – auf Staatskosten – auf ein gefährliches Abenteuer einzulassen. Hier werden im „Schadensfall, wenn die Situation dann doch nicht so „handhabbar“ sein sollte, wie geplant, keine kleinen Orte wie Bonful und Kölliken mit einer vergleichsweise geringen Bevölkerung betroffen sein, sondern der Großraum Köln Düsseldorf.

Eine Powerpoint-Präsentation von Straßen NRW zum Thema Öffnung der Deponie macht wenn auch geschönt – überdeutlich, mit welchen Problemen man plant und konfrontiert werden könnte.

Folgende Hochsicherheitsmaßnahmen werden geplant, die – bei einer geringeren Gefahrenlage – sicherlich gar nicht notwendig wären:

  • ständige Befeuchtung
  • Besprühung bei Bedarf
  • geschlossenen Einhausung mit Ablufthaltung
  • Bodenluftabsaugung
  • Bodenvereisung
  • permanente Reinigung der Transportwege
  • Transport mittels BAM Mulden
  • Geruchsmessungen
  • Abschirmwände
  • Gasmessungen
  • Staubmessungen
  • Temporäre Abdeckungen
  • Unterbrechung bei Schlechtwetter
  • Gewässerkontrollen
  • Verbrennung des stark belasteten Abfalls
  • Arbeiten unter Vollschutz

Für eine „handhabbare Maßnahme“ – so meine ich – sind das extrem hohe Sicherheitsmaßnahmen. Keiner kann genau wissen, was tatsächlich geschehen könnte, wenn die mumifizierte Deponie geöffnet wird! Auch die Probebohrungen können, da sie nur punktuell erfolgen konnten, keine genaue Auskunft darüber geben, auf welche Art von Giftmüll man tatsächlich stoßen wird.

Das, was Hildegard Bohne 2004 noch Mut machte, nämlich, dass „es in Leverkusen vor 12 Jahren noch Ratsmitglieder gab, die – zwar als CDU und Grüne damals in Opposition – sich nicht mit einer einfachen Sicherung der Altlast zufrieden geben wollten, sondern auf jeden Fall früher oder später die gesamte Dhünnaue auskoffern wollten und das Problem nicht ihren Kindern und Enkeln überlassen wollten,“ ist leider bis heute nicht eingetroffen!

Laut der Interessengemeinschaft der NRW-Deponiebetreiber sollen vorhandene Deponiestandorte soweit möglich weiterhin genutzt werden, weil:
der Eingriff in Natur und Landschaft bereits erfolgt ist.

  • die Infrastruktur schon vorhanden ist.
  • in der Regel eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung besteht, als bei
    Neustandorten.
  • Die Genehmigungsverfahren beschleunigt werden können. Denn gesicherte Entsorgungsinfrastruktur ist Standortvorteil und – Garantie für die produzierende Wirtschaft!

    Interpretation dieser Aussage:

  • Da, wo man schon kaputt gemacht hat, kann man nichts mehr kaputt machen.
    Auch wenn die Deponie mitten in einem Ballungsraum am Rhein liegt?
  • Die Zufahrten sind schon vorhanden und müssen nicht extra gebaut werden. Daher muss eine Doppelbrücke über den Rhein her. Ab geht`s mit dem  Müll aus ganz Europa über die Brücke direkt in die Currenta-Deponie!
  • Auch wenn es, besonders den Bürrigern, manchmal wortwörtlich stinkt – man hat
    sich an die Messwagen und den Gestank gewöhnt und ist bereit dies hinzunehmen!
  • Von der „Entsorgungsinfrastruktur“ profitiert nur die Wirtschaft, die keinerlei
    Verantwortung für die Bewohner der „heimgesuchten Kommune“ übernimmt!
Dies wird demnächst ein weiteres Thema in diesem Blog sein!
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